Presse
"Frizz" Ausgabe 9/2016

Restaurant-Test „Altes Rathaus“ in Nieder-Wiesen

... ein kleines Stück Provence
Wer den Ortsnamen Nieder-Wiesen hört und dazu noch „Altes Rathaus“, der denkt wohl zunächst an ein verschlafenes, bäuerlich geprägtes Dorf mit einem volkstümlichen Gasthaus, an dem um den Eichenholz-Stammtisch herum drei schweigende Gestalten ihr Bier trinken. Nun ist Nieder-Wiesen tatsächlich ein idyllisches Rheinhessen-Kleinod, von dem aus man vortrefflich Wanderungen in das nahe gelegene Nordpfälzer Bergland (Donnersbergkreis) unternehmen kann – und das ehemalige Schul- und Rathaus ist alles andere als eine langweilige Dorfkneipe.
Seit 2014 betreibt dort die gebürtige Thailänderin Natthamon Dollinger als Inhaberin und Köchin ein Restaurant, das sich nur schwer einordnen lässt und konzeptuell von großem Mut zur kulinarischen und kulturellen Vielfalt zeugt. Gemeinsam mit ihrem Mann Klaus, den sie in Bangkok kennengelernt hat, als er dort Flugsicherheitsanlagen aufbaute, verbringt sie zunächst einige Jahre in der Provence. Als Tochter einer thailändischen Restaurantbetreiberin und Köchin taucht sie ein in das Reich der französischen Kochkunst und des südfranzösischen Weines. In Deutschland angekommen, versucht sie jetzt mit Unterstützung ihres Mannes und ihrer Tochter Junthakarn, kulinarische Einflüsse aus Thailand und Frankreich gleichberechtigt bestehen zu lassen, also keine Fusion-Küche im klassischen Sinn zu praktizieren, sondern das Nebeneinander von Speisen zu zelebrieren. Ein Überschwappen einzelner Zubereitungsmerkmale von der asiatischen in die südeuropäische Küche ist dabei unvermeidbar, ja es macht sogar den Charme dieses spannenden Experiments aus.
Aber jetzt genug der Theorie, wie stellt sich das Ganze denn praktisch dar? Es beginnt mit dem Ambiente. Im stimmungsvollen, teils von hellen Dreieckssegeln überspannten Innenhof stehen auf schönem Kopfsteinpflaster drei große und zwei kleine Holztische, Olivenbäume, Lavendelpflänzchen und wilder Wein sowie drei große Weinfässer als Stehtische, die den Außenbereich mediterran prägen. An einer Mauer fängt ein grauer asiatischer Wasserbüffel als Skulptur in nahezu Naturgröße den Blick des staunenden Gastes. Im Innenraum bringt ein alter Kachelofen Gemütlichkeit, an den Wänden hängen Fotos aus Südfrankreich, ein großer Weinkühlschrank verspricht Erlesenes. Auf den Schränken sitzen bzw. liegen zwei thailändische Buddhas, im Hintergrund erklingen die Rockballaden der „Red Hot Chili Peppers“.
An unserem Testabend ist es warm und drückend, Aperitif und Vorspeisen genießen wir auf der Terrasse, später fliehen wir vor dem heranziehenden Gewitter in den Gastraum. Zum Einstieg werden Oliven gereicht, Pfeffer und Salz warten in Mühlen auf dem Tisch, das dazu gereichte Weißbrot ist aufgebacken und noch warm. Wir testen zwei offene Weißweine vom Weingut Steitz aus Stein-Bockenheim, einen Silvaner (trocken und kantig) und einen Sauvignon Blanc (sehr vollmundig). Weniger überzeugend ist der einfache Rote aus dem Luberon (Provence), der sehr rau und flach bleibt. Aber vielleicht liegt das auch an der starken Ausdruckskraft der Zutaten, welche die dazu verzehrten Vorspeisen zu einem großen kulinarischen Genuss werden lassen: Gegrillter Sepia mit Knoblauch, Zitrone und Mojo Rojo (10,50€)  zum einen und Garnelen in Pernodsauce mit Paprika und Knoblauch (8,50€) zum andern. Beide Gerichte sowie der ebenfalls getestete „Salade au Chèvre Chaud“ (6,50€) zeichnen sich durch die sehr kreative Verwendung von rotem und schwarzem Pfeffer aus, wodurch eine angenehme, sehr feine Schärfe zustande kommt. Als weitere Vorspeise ist übrigens auch der kleine Salat (4,00€) zu empfehlen, der nicht wirklich klein und dabei frisch und geschmackvoll ist.
Wenn bei den ersten Gängen außer beim Umgang mit der Schärfe der thailändische Einfluss noch wenig spürbar ist, so ist das bei den Hauptspeisen anders. Auf einer Tafel werden zusätzlich zur Karte „Kao Mok Koi“, eine Reispfanne mit Hähnchenschenkeln nach südthailändischem Rezept (13,50€) und „Pad Prig Thai Dam“ angeboten, eine gebratene Rinderhüfte mit einer Sauce aus schwarzem Pfeffer mit Gemüse und Reis (14,50€). Wir testen das Rind und kommen zur Vermutung, dass die musikalische Begleitung (siehe oben) vielleicht doch kein Zufall ist, die roten Chilischoten verleihen dem Gericht eine kräftige, aber unaufdringliche Schärfe. Das gilt dann auch für das vegetarische Gericht mit gebratenem Tofu und Gemüse, das uns spontan angeboten wird, nachdem wir bedauernd festgestellt haben, dass die beiden offiziell ausgelobten thailändischen Gerichte Fleisch beinhalten. Mit großem Genuss verzehren wir auch zwei rein südfranzösische Speisen, „Crevettes à la provençale“ (13,50€) mit Gemüse, Oliven und Kapern sowie Lammkoteletts mit Rosmarinkartoffeln und Tapenade – das Fleisch ist mit Fleur de Sel und reichlich Kräutern der Provence sehr würzig, die Kartoffeln schmecken nicht nur nach Rosmarin sondern wurden auch kräftig in Knoblauch geschwenkt. Dazu mundet hervorragend eine Flasche Château de l´Engarran aus dem Languedoc, ein roter Tropfen mit leichtem Minze und Ingwerabgang (26,00€).
Zum guten Schluss wäre dann noch ein Dessert möglich, allerdings gibt es à la carte nur Erdnusseis mit Erdbeeren. Wir kommen nicht mehr dazu, eine Bestellung zu erwägen, denn Klaus Dollinger bringt uns spontan auf Kosten des Hauses vier Digestifs, zwei Gläser erstaunlich fruchtigen Rum aus der Karibik und zwei Gläser „Hierbas“, einen Kräuterlikör der besonderen Art, hell und weich, ein wunderbarer Abschluss.
Fazit: Dieses Restaurant ist eine tolle Bereicherung für die sowieso schon breite Palette von kulinarischen Erlebniswelten, die Rheinhessen zu bieten hat. Hier erschlägt einen kein beliebig zusammengestelltes Multi-Kulti-Angebot, sondern man trifft auf eine tief in der eigenen Identität und Lebensgeschichte verwurzelte bodenständige Küche mit insgesamt hervorragender Weinbegleitung. Nur ein Wehmutstropfen bleibt: Schade, dass nicht noch mehr Gerichte, die auf der ersten Seite der Homepage erwähnt werden, zum festen Bestandteil der Speisekarte gehören, wir würden gerne auch mal ein „Daube de Boeuf“ oder ein Ratatouille in diesem wunderschönen Ambiente genießen. Wir wünschen viel Glück, bonne chance und chokh di!
Altes Rathaus, Kriegsfelderstraße 13, 55234 Nieder-Wiesen, Telefon 06736 ­9609323, geöffnet donnerstags bis sonntags ab 17.30 Uhr, www.altes-rathaus-nieder-wiesen.de

"Unser Rheinhessen" Ausgabe 9/2017

Gastro-Tipp "Le Thai française" Altes Rathaus

Eine Prise französische Eleganz, ein Hauch asiatische Exotik und ein Klecks deutsche Eigenart. Eine thailändische Köchin und ein Niederbayer führen das "Alte Rathaus" in Nieder-Wiesen.

Knorrige Obstbäume begrüßen den Anreisenden, Felder duften, Pferde wiehern. Das Dörfchen Nieder-Wiesen mit seinem barocken Wasserschloss hat Charme - und erscheint, nur wenige Kilometer von Alzey entfernt, ur-rheinhessisch. Auch das Restaurant "Altes Rathaus" schmiegt sich mit seinen rosa Geranien perfekt ins klassische Dorfbild ein. In dieses alte Haus mit seinem hellen Sandstein aus dem Jahre 1722 haben sich die Dollingers verliebt und sind so nach Rheinhessen gekommen.

Der alte Kachelofen wacht seit Jahrhunderten stoisch über diesen Raum, der einst Schule und dann Rathaus war. Jetzt hat er Verstärkung bekommen: Ein Stein-Buddha im Meditationssitz hat die Gäste im Blick. Genau wie Natthamon Dollinger, eine zierliche Thailänderin mit ruhigen Augen und sanftem Wesen. Sie ist seit drei Jahren Inhaberin und Köchin des Hauses, das auch gleichzeitig Wohnsitz ihrer Familie ist. "Ich wollte schon immer ein kleines Restaurant mit persönlichem Bezug zwischen Inhaber und Gast", sagt sie. Ihre Mutter führt ein Restaurant in Bangkok, dort hat Dollinger auch das Kochen gelernt - und ihren künftigen Ehemann getroffen. Klaus Dollinger ist eigentlich Niederbayer, aber man könnte ihn auch als Franzosen bezeichnen. Zumindest lebt er den französischen Stil - auch im Restaurant. Der Schriftzug "Provence" thront über der Bar, der Weinkühlschrank ist eine Hommage an französische Winzer, zu den Orchideen seiner Frau gesellt sich Lavendel. Klaus Dollinger war 16 Jahre lang Skipper auf Segelyachten in Südfrankreich, auf Martinique und den Balearen. Der Weltenbummler fährt noch regelmäßig zu befreundeten Winzern in die Provence. Mourvèdre, Grenache, Syrah, Cabernet Sauvignon: Ausgewählte Rotweine vom Château des Sarrins und Château la Canorgue schmücken die Weinkarte des Restaurants. Und passen vorzüglich zu den Speisen seiner Frau. "Wir servieren gute Gerichte aus der ländlichen Küche der Provence. Das Chichi aus St. Tropez interessiert uns weniger".

Natthamon Dollinger schmeckt die gegrillte, saftige Sepia mit Knoblauch und Zitrone ab. Dazu teicht sie gegrilltes Gemüse, selbstgebackenes Brot mit Oliven und "Mojo Rojo", eine scharfe kanarische Soße mit Chili. Der Salat hat ein knuspriges Nudel-Nest aus Frühlingsrollen-Teig aufgesetzt bekommen. "Wir machen alles selbst, auch die Reduktion der Soßen", erklärt Klaus Dollinger. "Die Gäste hören manchmal das Piepsen der Uhr aus der Küche. Das ist keine Mikrowelle, die brauchen wir nicht. Das ist ein Timer für das Fleisch", sagt er lachend. Zum butterzarten Lammrücken mit Rosmarinkartoffeln gibt es eine dunkle Rotweinsoße. Auf der Tageskarte stehen wechselnde thailändische Gerichte wie "Pad Chaa": Rindfleisch mit grünem Pfeffer und an Ingwer erinnernde Galgantwurzel. "Thailändisches Essen erfordert mehr Vorbereitung als das französische. Dafür ist es dann ganz flott gemacht, meist wird es nur kurz gegart. Bei französischen Gerichten ist die Zubereitung sehr aufwändig", erklärt Natthamon Dollinger. "Mittlerweile mag ich aber beide Kochstile", sagt sie und lacht.

Text: Sina Listmann